Presse-Artikel: Theater

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Einblicke in ein Wechselbad der Gefühle

Biblisches Theater voller Dramatik: „Abraham aus Liebe“ in der Freien Evangelischen Gemeinde Renningen

[Pressebild von Benjamin Stoll beim Theaterstück „Abraham aus Liebe“ in Renningen] vollständigen Artikel runterladen

Renningen. Die Geschichte von Abraham und Isaak aus dem Alten Testament ist Thema eines Theaterabends in der Freien Evangelischen Gemeinde gewesen. Ein nicht nur für die Bühne schwieriger Stoff, den der Schauspieler Benjamin Stoll überraschend neu interpretiert hat.

„Schau nach unten! Sieh mich nicht an!“, schreit Abraham in tiefer Verzweiflung seinen vor ihm liegenden, gefesselten Sohn an. In der Hand hält er das Messer. Es ist der Moment, kurz bevor er zustoßen, seinen eigenen Sohn opfern will – weil Gott es ihm befohlen hat. Eine schreckliche Szene, bei der man sich als Zuschauer lieber nicht in die Gefühlswelt des liebenden Vaters versetzt. Ganz still ist es im Gemeindesaal in der Renninger Bahnhofsstraße. Trotz der brütenden Hitze an einem der heißesten Abende des Jahres sind rund fünfzig Zuhörer zum Theater und Musikabend mit dem Titel „Abraham aus Liebe“ gekommen.
Nur ein Darsteller steht an diesem Abend auf der winzigen Bühne: Benjamin Stoll, Jahrgang 1979, aus Berlin. Stoll hat in Ulm Schauspiel studiert und anschließend in Berlin eine Ausbildung in Schauspiel für Film und Fernsehen absolviert. Neben seinen Solo-Projekten ist er als Regisseur, Autor von Hörspielen und Seminarleiter tätig.
Stoll ist Vater von drei Söhnen im Alter von fünf Monaten bis viereinhalb Jahren. Das Stück hat er selbst geschrieben. „Kurz nach der Geburt meines ersten Sohnes ist mir die Idee gekommen“, erzählt er. Die Gefühlsebene hinter der in der Bibel sehr sachlich beschriebenen Geschichte von Abraham und Isaak hat den jungen Autor interessiert. „Ohne Frömmelei“ wollte er sich der Geschichte nähern, die tiefen Emotionen herausarbeiten. Trotz der Hitze trägt er eine schwarze Hose und ein langärmliges weißes Hemd; als einzige Requisite genügt ihm ein alter Holzstuhl. Obwohl die Bühne im Gemeindesaal denkbar klein ist, schafft er es, sie durch sein Spiel imaginär zu erweitern.
Der Zuschauer sieht den fast hundertjährigen Abraham, der zunächst ungläubig lacht, als er von Gott erfährt, dass seine neunzigjährige Frau Sarah noch ein Kind erwarten soll. Stolls Abraham könnte auch heute leben, flachst er doch über eine Greisin als Mutter, die beim Stillen das Kind bequem auf den Schoß legen könne. Immer wieder wechselt die Darstellung zwischen Erzählung und Rückblenden. Farbige Lichtwechsel deuten verschiedene Zeitebenen an. Der Zuschauer erlebt zunächst den Menschen und Vater Abraham. Er ist erfüllt von Liebe zu seinem Sohn – um so unfassbarer ist die Forderung nach dem Menschenopfer. Abraham schwankt zwischen Hoffnung, Glauben und Zweifel. Er hadert mit Gott und bietet sich selbst als Opfer an.
Stoll gelingt es, dieses Wechselbad der Gefühle überzeugend darzustellen. In seinem Spiel lotet er die Tiefen hinter der bekannten biblischen Geschichte aus. Umrahmt wird sein Stück an diesem Abend von ehrenamtlich tätigen Mitgliedern des Vereins Operation C e. V.: Daniel Börnert als Moderator und den stimmlich sehr professionell wirkenden Sängerinnen Christina und Dorothea Grupp. Sie intonieren zu Playback-Musik melodiöse, christliche Pop-Arrangements. Die Liedtexte werden parallel per Beamer an die Wand projiziert. Die Mitglieder des christlichen Vereins aus Altdorf stehen zum ersten Mal zusammen mit Benjamin Stoll auf der Bühne. Gemeinsam zeigen sie, dass Theater gut geeignet ist, auch christliche Inhalte für die Zuschauer neu und bewegend zu vermitteln.
Anke Sindermann

(Stuttgarter Zeitung, 02.07.08)