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Realistische Übungen verunsichern sogar einen Autofahrer

Theaterworkshop über »Alltagsgeschichten einer Parkbank« mit Benjamin Stoll im evangelischen Gemeindehaus

[Pressebild von Benjamin Stoll beim Theaterworkshop in Sulz] vollständigen Artikel runterladen

Sulz. Vier Tage lang haben Sulzer Jugendliche mit dem Schauspieler und Regisseur Benjamin Stoll zusammengearbeitet. In dieser Zeit ist viel passiert: Aus ganz normalen Jugendlichen sind Schauspieler geworden, die mit einer kleinen Szene eine ganze Geschichte erzählen können.
»Es ist gestern Abend spät bei dir geworden.« »Ich hatte noch was Wichtiges zu tun gehabt.« »Für wie bescheuert hältst Du mich eigentlich?« »Ich habe jetzt keine Zeit, mit Dir darüber zu reden.« Dieser Dialog stand am Anfang und am Ende des Theaterworkshops. »Macht mal was draus«, sagte Stoll zu Beginn des Workshops zu den Teilnehmern. Das machten sie dann auch.
Stoll erzählte etwa die Geschichte einer Mutter und ihrer Tochter. Die Mutter kümmert sich mehr um ihre Karriere, als um ihren Nachwuchs. Die Tochter tut alles, um doch die Aufmerksamkeit der Mutter zu erhalten. So sitzen die beiden auf einer Parkbank. Die beiden Schauspielerinnen sprechen den Dialog und die Tochter, rauchend und mit voll aufgedrehtet Musik aus dem Handy, rückt immer näher an ihre Mutter heran. Der Wunsch nach Nähe und die Verunsicherung und Angst der Mutter machten diese Szene sehr berührend.
Die Szene auf der Parkbank hatte das Publikum zuvor schon einmal zu sehen bekommen, da aber ohne Sprache. Da war die Tochter noch ein schlecht erzogener Jugendlicher, der eine Frau nervt, die auf der Parkbank in Ruhe ihre Zeitschrift liest.
Das ist es dann wohl, was Schauspielerei ausmacht: Mit den Mitteln des Körpers und der Sprache den Zuschauer dazu zu bringen, sich in eine Geschichte einzufühlen und sie weiterzudenken. Bis es soweit war, waren zahlreiche Zwischenschritte nötig, auf denen Benjamin Stoll die Jugendlichen begleitet hat. Das fing damit an, dass er ihnen beibringen wollte, mit der Bühnensituation umzugehen, etwa, dass alle Augen auf einen selbst gerichtet sind. Deshalb ging er mit den Jugendlichen zur Ampelanlage an der Bundesstraße. Von verschiedenen Stellen aus, starrten die Jugendlichen die Menschen in ihren Autos an. Die blieben davon nicht unbeeindruckt. Stoll zeigte das Video eines Autos, dessen Fahrer offensichtlich so verunsichert war, dass er sich nur ganz vorsichtig über die Kreuzung vortastete. Die Erfahrung, was ihr Starren mit anderen Menschen anrichtet, sollte den Jugendlichen, helfen mit dem Starren des Publikums zurecht zu kommen.
Jens Sikeler

(Schwarzwälder Bote, 23.05.2011)